Alles was zählt.
I. ----------------------------------------------------------------------------------------
Sie hat ihren nebulösen Blick aufgesetzt. Er lässt Clara tiefgründig erscheinen. Sie weiß das, weil ich es ihr gesagt hatte als wir uns vor knapp drei Jahren kennenlernten. Ihre Augen funkeln mich an und ich erahne wie es in ihr kocht. Sie versucht mir auszuweichen und blickt nachdenklich an mir vorbei auf die Strasse. Ich nehme mir vor ihr einige Minuten Zeit zu geben bevor ich das Thema noch einmal aufgreifen werde. Bis dahin lasse ich meinen Blick durch das Café wandern. Eine lange Reihe großer Fenster, zur Strasse hin orientiert, durchfluteten das Cafe mit einem angenehmen weichen Licht. Die bequemen Ledersessel sind entlang der Fenster in kleinen Gruppen angeordnet. Mit ein wenig Abstand zu der Sesselreihe folgt die Bar, die sich über die komplette Länge des Cafe erstreckt. Mein Blick bleibt auf den Händen der Bedienung hängen, die mit flinken Handgriffen die riesige Espressomaschine bedient. Das laute Zischen und der Geruch frisch gemalter Bohnen lässt mich kurz mit dem Gedanken spielen einen Espresso zu bestellen. Einen Augenblick später saust die Bedienung mit einer fertigen Bestellung auf dem Tablet davon und zerstört meine Träumerei.
Amüsiert beobachte ich Clara wie sie kokett ihre Beine übereinanderschlägt. Warum sitze ich eigentlich hier mit Clara an diesem Tisch? Wir waren zwar mal eine zeitlang zusammen und hatten uns viel zu geben. Irgendwann aber kam der Alltag und darauf hatte ich keine Lust. Ich wollte etwas Frisches! Nur die Suche nach dem Unentdeckten hält mich auf Trab. Bei dieser Frau hatte ich das Gefühl alles erkundet und gesehen zu haben. Jetzt ging es lediglich noch darum bis wann sie mit ihren Sachen aus meiner Wohnung verschwunden war. Es war gerade Mai und der Sommer fing an durchzustarten. "Ahh Berlin im Sommer!" - das wollte ich genießen und nicht ständig über die Einrichtungsgegenstände meine Ex stolpern. Ich stellte ihr ein Ultimatum bis zum Monatsende, was in zwei Wochen war. Ihre einzige Reaktion darauf war sich eine Zigarette anzustecken. Ich wußte das dies stille Zustimmung bedeutet. Das Gespräch war hiermit offiziell beendet. Ich stand auf, überließ ihr die Rechnung, kalkulierte die Kosten der Verwüstung die sie deshalb in meiner Wohnung anrichten würde, verbuchte sie als verkraftbaren Kollateralschaden, und verließ das Café. Für einen Augenblick verharre ich und lasse den Lärm der Strasse auf mich wirken. Gedanken schiessen mir durch den Kopf und im Grunde tut es mir weh Clara so zu behandeln. Komisch. Früher kamen mir solche Gedanken nie. Ich wische den Schmerz beiseite und beschließe Clara's Auszug nicht miterleben zu wollen. Mir kommt der Gedanke Cousin Stephan zu besuchen. Für gewöhnlich bietet sein Lebenstil in solchen Sitationen emotionaler Verwirrung eine willkommene Abwechslung. Ein durchgestylter Teenager drängelt sich an mir vorbei ins Café und beendet meinen Tagtraum. Ja, Cousin Stephan ist eine gute Idee. "Auf nach Amsterdam", denke ich laut und tauche ein ins Gemenge der Passanten.
Die Nacht über hatte ich kaum ein Auge zu gemacht. Ich mußte mich natürlich auf meine mehrstündige Reise vorbereiten und hatte den Vorabend mit Freunden in diversen Clubs verbracht. Der monotone Techno-Beat hämmert noch in meinem Ohr und das leise aber konstante Pfeifgeräusch wird sich wohl auch erst in ein Paar Tagen verflüchtigen. So stehe ich ziemlich zerknittert und relativ betrunken am Bahnsteig und freue mich auf die Zugfahrt. Ich ziehe nervös an meiner Zigarette. Mein Handy summt leise vor sich hin. Ein kurzer Blick auf's Display verrät mir "Tante Petra". Ich bin nun wirklich weder in der Lage mir ihr zu sprechen noch habe ich Lust darauf. Für den Augenblick ist mir nicht nach Konversation. Mit lautem Quietschen rauscht der Zug in den Bahnhof. Wo kam der so schnell her? - meine Wahrnehmung fängt an mir Tricks zu spielen. Ich drängle mich an einigen älteren Fahrgästen vorbei, ignoriere ihr Gemecker und flätzte mich in einen der Sitze. Bevor der Zug abfährt bin ich bereits in einen unruhigen Schlummer versunken.
Völlig zerknittert komme ich einige Stunden später wieder zu mir. Ich richte meinen Kopf auf und blicke aus dem Fenster. Grüne Wiesen mit zahlreichen Kühen und so weiter rauschen still vorbei. Amsterdam ist nah! Meine Augen fühlen sich schwer an. Die Euphorie der letzten Nacht ist scheinbar auch schon verflogen. Ich durchsuche meine Tasche nach einem Kaugummi und finde einen angerissen Zettel mit Telefonnummer darauf. Unterschrieben ist er mit "Steffi - melde dich mal". Ich versuche mich an "Steffi" zu erinnern und schaffe es fast. Dann gebe ich auf, stopfe den Zettel wie ein Hamster für schlechte Zeiten wieder in meine Tasche und lasse meinen Blick ziellos in die Ferne schweifen. Meine Gedanken kreisen um meinen letzten Besuch in Amsterdam und Stephan. Wie's ihm wohl heute geht? Beim letzten Mal war er auf dem besten Weg die letzten Erinnerungen an sein bürgerliches Leben auszulöschen. Wir hatten uns einen Transporter für den Umzug organisiert und den ganzen Tag Stephan's Habsehligkeiten verladen. Begleitet wurden wir dabei von dem wilden Gemecker seiner Frau. Als wir mit dem LKW losfuhren war sie so weit in Rage das sie Hochzeitsporzellan aus dem dritten Stock auf den Gehweg schleuderte. "Wie lange war das jetzt her?", fragte ich mich. Drei, vier Jahre vielleicht.
Diese Zugfahrt scheint ewig zu dauern. An Schlaf ist nicht zu denken. Wie auch wenn man umringt ist von Rentnern, die sich stundenlang über die einfachsten Dinge unterhalten können. Mir fällt ein das der Fahrkartenverkäufer versucht hat mich vor dem Vormittagszug nach Amsterdam zu warnen. "Biste sicher? Dit Ding is voller alte Leute! Ruhe findeste da keene." war wohl seine Wortwahl. Ich spiele mit dem Gedanken Amok zu laufen. Zu mehr komme ich nicht, dann döse ich wieder vor mich dahin.
Die Ankunft in Amsterdam gestaltet sich wie immer wenig spektakulär. Sonnenbrille auf, raus aus dem Zug, die besoffenen Horden von Teenagern aus Übersee ignorieren, immer gerade aus für knapp 10 Minuten, dann ein sonniges Plätzchen in einem der vielen "Cafés" suchen, niederlassen und die lokalen Spezialitäten ausprobieren. Soweit so gut. Eine knappe halbe Stunde später habe ich Berlin, die Zugfahrt und alles was in den letzten Tagen und Wochen passiert ist, hinter mir gelassen. Aufgelöst und verschwunden im Nebel. Es wird Zeit Stephan zu kontaktieren. An seine genaue Adresse kann ich mich nicht erinnern. Das konnte ich noch nie. War bisher stets völlig unnötig in dieser Stadt und mit Stephan an meiner Seite. Kurze Nachricht an ihn und weiter geht's mit den köstlichen Angeboten. Ich habe die "Speisekarte" halb durch da trifft ein Wesen ein das ich nur noch undeutlich als meinen Cousin ausmachen kann. "Nebel muss plötzlich aufgezogen sein! Teuflisch gefährlich und unberechenbar das Zeug!" lalle ich vor mich hin. Zumindest hat man mir das später gesagt. Ich befinden mich in der Obhut von Stephan, nichts kann mehr geschehen - Willkommen in Amsterdam.
II. ----------------------------------------------------------------------------------------
Die Toilettenspülung weckt mich. Eine weibliche Gestalt schleppt sich an mir vorbei und fällt vornüber in ein Bett am anderen Ende des Raums. Schlecht sah sie nicht aus. Soviel lässt sich selbst dann noch feststellen, wenn jeder Arzt dieser Welt schon der Meinung ist dein Körper sei nicht mehr von dem Gift zu befreien, das deine Sinne vernebelt.
"Sieh mal an, wen hat's denn da wieder an's Ufer der Diesseitigen getragen!" dröhnt Stephan aus der Küche in meine Richtung und grinst verhohlen aus der Küche zu mir herüber. Ich hasse es wenn er diesen Theaterslang benutzt. Irgendwie erinnert mich das immer an Schultheater und alte, runzelige Deutsch Lehrerinnen.
"Stephan, sag mir bitte das du etwas hast um diesem müden Körper wieder auf die Beine zu helfen!" - ich stelle fest, in meinem Mund muss eine Katze wohnen. Trocken wie die Wüste Namib.
"Klar doch!" dröhnt er aus der Küche, "Doppelter Espresso mit Milchschaum. Perfekt für den organischen Start in den Morgen. Versetzt mit etwas .... naja Geheimrezeptur des Hauses. Soviel sei gesagt, ohne diesen potenten Mix hätten die englischen Banker-Milchbubies die Finanzkrise nie so hin bekommen!" Triumphierend balanciert er ein Tablet herein und landet es genau vor meinem Schlafgemach.
"Ich meinte eigentlich die Kleine da drüben." Ich versuche ein Grinsen, muss aber feststellen das Stephan das gar nicht lustig findet. "Ohh" sage ich "scheint wohl ernst zu sein!"
Ich richte mich auf und untersuche den Raum genauer während ich den heißen Sud in mich hinein tröpfeln lasse. Backsteinwände, ein großer Raum mit unverputzten Wänden. Viele Möbel gibt es nicht, das nötigste ist vorhanden. Ein großes Bett auf dem eine Blondine langsam zum Leben erwacht. Muss wohl am Kaffeegeruch liegen. Eine große Fensterfront schließt den Raum ab. Vor dem Fenster thront majestätisch eine Tisch mit zwei Plattenspielern. Stephan ist meinem Blick gefolgt und bemerkt: "Gottes Heim, mein Lieber! Von dort schickt der Messias seine Botschaften aus!"
Diese Form der Blasphemie muss unmittelbar bestraft werden. Ich werfe ihm die leere Espresso Tasse an den Kopf. Ein erstaunter Blick, dann hat er verstanden das die Gotik vorbei: "Schön das du hier bist!"